Werner Bloch ⋅ Nur ein paar Wochen noch, bis der Bus mit den Jungfrauen anrollt. Zweiundsiebzig Berliner Jungfrauen, alle schwarz gekleidet und mit einer Tulpe in der Hand, werden dann in den heiligen Stand der Ehe treten – in Berlins schönstem Kunsttempel, dem Martin-Gropius-Bau, dessen Lichthof sich seit ein paar Tagen dank farbig ausgelegten Teppichbahnen in eine Art Madrasa verwandelt hat. Hier werden die Jungfrauen dem iranischen Künstler Shahram Entekhabi ihr Ja-Wort geben, in einer schiitischen Hochzeitszeremonie, die Polygamie und Aussicht auf Heldentod in sich vereint. Denn, das weiss ja jeder: Islamischen Selbstmordattentätern steht paradiesische Belohnung zu: 72 Jungfrauen, die sich übrigens nach vollzogener Ehe immer wieder in Jungfrauen verwandeln.
Oder doch nicht? «Glaubt irgendjemand diesen Schwachsinn?», fragt Shahram Entekhabi, 46-jähriger Performancekünstler aus Teheran, der seit langem in Berlin lebt und sich die Aktion ausgedacht hat. «Ist es überhaupt möglich, solche Monstrositäten zu glauben?» Es ist offenbar möglich – und der Protest des Künstlers, der uns den Spiegel vorhält mit dieser lächerlichen Farce, bedeutet auch: Was wisst ihr eigentlich über uns?
Eine Frage, auf die jetzt die Ausstellung «Taswir – Islamische Bildwelten und Moderne» eine kunstmächtige Antwort findet. Wunderbare Korane aus Purpur und reinem
Gold, Trinkgefässe aus Bergkristall, Flaschen aus goldemailliertem Glas, persische Miniaturen – Werke, die aus der British Library, der Petersburger Eremitage und der Pariser Bibliothèque
nationale stammen. Sie lohnen an sich schon den Besuch der Ausstellung. Aber hier geht es nicht wirklich um Preziosen. Das eigentliche Wagnis von «Taswir» besteht darin, dass die Ausstellung den
Dialog zwischen islamischem Artefakt und moderner westlicher Kunst riskiert. Ein ganzer Saal ist Picasso gewidmet, zusammen mit alten Prachtkoranen. Picasso hatte 1946–48 die Manuskripte seines
Freundes Pierre Réverdy in raumgreifende Lithografien übersetzt. Mit roter Farbe interveniert er im Text, setzt Akzente, strukturiert energisch mit Linien und Punkten – ganz ähnlich wie die
Linienführung in der Kalligrafie des Islams. «Hätte ich gewusst, dass es eine islamische Kalligrafie gibt», sagte Picasso später, «ich hätte niemals angefangen zu malen.»
Das Sensationelle: Es funktioniert. Die Gegensatzpaare von religiösem Artefakt und moderner Kunst kommunizieren, ergänzen und beleuchten einander. Rebecca Horns «Waiting for Absence» etwa, eine
hingehaucht zarte Arbeit, wird kombiniert mit einer Miniatur, die den uralten, aus Indien stammenden Mythos von den «Sandalen des Propheten» kommentiert, dem Fussabdruck des in den Himmel
entrückten Mohammed – Zeichen der Gegenwart des Abwesenden.
Auch die arabische Gegenwartskunst ist im Gropius-Bau vertreten. Künstler aus Saudiarabien, Libanon und Ägypten haben längst Kunstwerke geschaffen, in denen sich eigenständige Traditionen mit der
scharfzüngigen Sprache kritischer Kunst verbinden. Mona Hatoum etwa zeigt hühnerkäfiggrosse Gitterstrukturen, die sich im Spiel von Licht und Schatten an den Wänden zu an Guantánamo gemahnenden
Gefängnisalbträumen ausweiten. Dem aus Gaza stammenden Künstler Taysir Batniji wird von Israel die Heimreise verweigert; seit 2006 sitzt er in Paris und thematisiert das Warten und dessen
Sinnlosigkeit in Performances und Kunstwerken. Da schippt er dann Sand von einer Ecke des Gropius-Baus in die andere und wieder zurück. Zum ersten Mal überhaupt sind seine 170 «Märtyrerporträts»
zu sehen, schwarz in schwarz gehaltene, wie Röntgenbilder hypnotische Porträts, die sich im Gropius-Bau zu einer dunklen Wand ballen – Bearbeitungen der Fotos von Freunden und Bekannten, die von
der israelischen Armee getötet wurden.
Zehn Jahre lang hat die Kuratorin Almut Bruckstein Coruh dieses Projekt vorbereitet. Bruckstein, Professorin in New York, Jerusalem und Berlin, hat der Ausstellung eine ästhetische und
intellektuelle Dimension gegeben, die man nur als beglückend empfinden kann. «Taswir» ist keine pädagogisch aufbereitete, didaktische Schau, sondern ein assoziativer Parcours durch 18 Räume, die
sich nach bestimmten Leitthemen quadratisch um den zentralen Lichthof gruppieren.
Es gibt in dieser Ausstellung keine Hierarchisierung von alter und moderner Kunst, von Islam und Westen. Zeiten und Orte verschmelzen in der Gleichzeitigkeit einer transnationalen Betrachtungsweise. Und doch ist nichts beliebig: Neue Bezüge ergeben sich, es wird zusammen gesehen, was bisher nur getrennt existierte. Das traditionelle «ihr» und «wir», das «hier» und das «dort» verschmelzen in einer neuen Synthese, die dem Betrachter erst die Augen öffnet. Weiter könnte man von den alten Gefechten der Orientalismus-Debatte nicht sein.
Zwischen den einzelnen Artefakten wie der zu Memory-Spielkarten zerschnittenen Landkarte Palästinas, den aus Blei gegossenen Kalligrafien der Deutsch-Ägypterin Susan Hefuna («Geduld ist schön») und den allegorischen Liebesgeschichten der persischen Miniaturen aus dem 18. Jahrhundert muss der Betrachter selbst Bezüge herstellen. Und kommt so vielleicht zu einer neuen Ordnung des Wissens – das jedenfalls ist es, was sich der weltweite Think-Tank «ha'atelier» vorstellt, dem die Kuratorin Bruckstein vorsteht. Es geht hier um eine Technik der Interpretation, die sich dem jüdischen Talmud verdankt: eine nichtlineare, poetische Lektüre, in der erst der Betrachter die Verbindungen zwischen den Dingen erkennt und schafft.
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