Sie war der General, die eiserne Wortführerin, manchmal auch das schrille Gesicht des berühmtesten Künstlerpaars der Gegenwartskunst: Christo und Jeanne-Claude. Mit ihrer glühend roten Mähne fiel sie immer sofort ins Auge. Und wenn sie sich für eines ihrer scheinbar größenwahnsinnigen künstlerischen Projekte ins Zeug legte, mit Politikern diskutierte, Sammler bezirzte, Journalisten belehrte oder Bankkredite aushandelte, wurde sie für ihre Leidenschaft und Kompromisslosigkeit bewundert und gefürchtet. Sicher ist jedoch, dass fantastische Aktionen wie die Verhüllung der Pont Neuf 1985 in Paris, der verpackte Reichstag 1995 in Berlin oder die 7503 orangefarbenen Sonnensegel, die 2005 die Wege des New Yorker Central Parks schmückten, ohne Jeanne-Claudes kreativen Einsatz nie zustande gekommen wären.
Dabei hat es ziemlich lange gedauert, bis sie als vollwertige Partnerin des Künstlerduos Christo und Jeanne-Claude akzeptiert wurde. Als die beiden bei der
Berichterstattung über den "Verhüllten Reichstag", einem Wunschprojekt, für das sie 23 Jahre gemeinsam gekämpft hatten, erstmals darauf bestanden, dass neben Christo auch Jeanne-Claude als
gleichberechtigte Künstlerin genannt wird, regten sich die Medien – und viele Männer im Kunstbetrieb – schrecklich auf. Den berechtigten Anspruch auf gemeinsame Autorenschaft wollte man als
übertriebene Eitelkeit einer geltungssüchtigen Frau im Hintergrund abtun. Dabei arbeitete das Paar zu jenem Zeitpunkt schon über 30 Jahre als künstlerisches Duo zusammen. Mit verteilten Rollen
und einem prozesshaften Ansatz, bei dem die oft jahrelange Planungsphase ganz bewußt zum Werk dazu gehört. Die Ideen für ihre Projekte entwickelten sie zusammen, für Zeichnungen und Collagen, die
der Planung, Dokumentation und durch Verkauf auch der Finanzierung der Projekte dienten, war Christo allein verantwortlich, für Finanzierungsfragen, Logistik und Vermittlungstrategien wiederum
fühlte sich Jeanne-Claude zuständig. So gesehen war sie auch ein leuchtendes Vorbild für die Gleichberechtigung der Geschlechter.
In ihrer symbiotischen Liebes- und Lebensgemeinschaft diskutierten Christo und Jeanne-Claude ohnehin von früh bis spät über jedes Detail ihrer Arbeit. Kennengelernt hatte sich das Paar 1958 in Paris, als Christo Wladimirow Javacheff, ein junger mittelloser Künstler, der ein Jahr zuvor aus Bulgarien geflohen war, ein Porträt von Jeanne-Claudes Mutter malen sollte. Jeanne-Claude stammte aus gutem Haus, die Mutter, Précilda Denat de Guillebon, war eine gefeierte Heldin des französischen Widerstands. Sie zog als erster weiblicher Offizier mit den Truppen des Freien Frankreich im August 1944 in Paris ein und war mit Charles de Gaulle befreundet. Jeanne-Claude wurde am 13. Juni 1935 in Casablanca geboren – an genau demselben Tag und Jahr wie Christo. Vielleicht auch deshalb erwies sich die Beziehung dieser gleichgesinnten Freigeister als dauerhaft und fruchtbar. Bereits 1962 realisierten sie in Paris ihr erstes gemeinsames Projekt im öffentlichen Raum: "Eiserner Vorhang – Mauer aus Ölfässern", eine Barrikade aus übereinandergetürmten Ölfäsern in der Rue Visconti, war ihre Antwort auf den Bau der Berliner Mauer. 1964 zog das Künstlerpaar nach New York, in eine leerstehende Fabriketage in SoHo. Später kauften sie das Haus in der Howard Street und dort befindet sich noch heute ihr Atelier, ihr Showroom und ihr Wohnzimmer.
Ihre Projekte wurden mit den Jahren immer größer und verwegener. 1969 verhüllten sie einen 92 900 Quadratmeter großen Küstenstreifen nahe Sydney in Australien mit Plastikfolie, 1972 spannten sie einen orangen Vorhang durch ein Flußtal in Colorado, 1983 umringten sie 11 Inseln bei Miami mit knallrosa Folie und 1985 schließlich verpackten sie die Pont Neuf in Paris. Die künstlerischen Projekte wurden von Mal zu Mal zu größeren Massenereignissen. Zur spektakulären Verhüllung des Berliner Reichstags kamen mehr als fünf Millionen Zuschauer. Wichtigstes Merkmal dieser Interventionen im öffentlichen ist aber nicht nur ihre Massenattraktion, sondern auch ihr temporärer Charakter. Für Jeanne-Claude ging es vor allen Dingen darum, diese "Qualität von Liebe und Zärtlichkeit, die wir Menschen für Dinge aufbringen, die vergänglich sind" hervorzubringen.
Nun hat sie sich selbst mitten in der Arbeit verabschiedet. Am Mittwoch starb Jeanne-Claude in New York an den Folgen einer Gehirnblutung. Viel zu früh, denn es gab noch mindestens zwei große Projekte, die sie verwirklichen wollte: "Over the River", ein silbernes Band aus riesigen Stoffbahnen, die über den Arkansas-River in Colorado verspannt werden sollen, und "Mastaba", eine riesige Pyramide aus Ölfässern in der arabischen Wüste. Noch heißt es, Christo werde die Projekte weiter vorantreiben – gerade auch Jeanne-Claude zuliebe. "Er will das Versprechen einlösen, das sie einander vor vielen Jahren gegeben haben: dass die Kunst von Christo und Jeanne-Claude weiterleben soll. Christo fühlt sich verpflichtet, die laufenden Arbeiten zu vollenden – so wie Jeanne-Claude sich das gewünscht hätte", sagt Wolfgang Volz, ihr langjähriger Fotograf.
Werner Spies, Austellungsmacher, Kritiker und ein enger Freund des Künstlerpaars, erreichte die Nachricht von Jeanne-Claudes Tod mitten in den Vorbereitungen zu
einer David-Lynch-Ausstellung im Max-Ernst-Museums in Brühl. Es sei ein großer Schock und ein unwiderbringlicher Verlust, sagte er: "Ich kenne kein anderes Künstlerpaar, wo das Zusammensein so
eine Notwendigkeit hatte, wo der Zweierbund so eine absolute Symbiose war. Jeanne-Claude war nicht nur die rechte Hand, sie war, was die künstlerische Ideen, die Durchsetzung und die Logistik der
Projekte anging, ein unersetzbarer Partner."
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